Mahnmal-Projekt-Leimen Erinnerung und Mahnung
 

Dokumentation

Die Deportierten

Am 22.Oktober 1940 wurden Hugo Mayer und seine Frau Karolina, sowie Karoline Bierig und ihre Tochter Selma aus dem Haus von Hugo Mayer in der damaligen Rohrbacher-Str. 2 (heutige Rohrbacher-Str. 12 in 69181 Leimen) nach Gurs deportiert.

Am 19.Februar 1941 wurden Hugo und Karolina Mayer von Gurs in das Lager Noé verlegt, wo Hugo Mayer am Neujahrsabend 1942 wegen schwerer Krankheit verstarb.

Karolina Mayer wurde im Verlauf des Sept./Okt. 1943 von Noé in das Lager Vernet verlegt. Dort blieb sie bis Mai 1944. Am 22.Mai 1944 kam sie im Lager Drancy bei Paris an und wurde von dort am 30.Mai 1944 mit dem Transport Nr. 75 nach Auschwitz verbracht. Karolina Mayer kam in Auschwitz am 2.Juni 1944 an und wurde dann ermordet.

Karoline Bierig und Selma Bierig wurden am 19.März 1942 von Gurs in das Lager Récébédou verlegt und blieben dort für fünf Monate bis sie am 8.August 1942 nach Drancy transportiert wurden. Am 12.August 1942 wurden sie mit dem Transport Nr. 18 von Drancy nach Auschwitz verbracht. Karoline und Selma Bierig kamen in Auschwitz am 14.August 1942 an und wurden dann ermordet.


Auf der Internetpräsenz des United States Holocaust Memorial Museum findet sich ein Gruppenfoto von Männern vor einer Baracke im Lager Gurs, aufgenommen im Winter 1941. Auf diesem Foto aus dem Lager Gurs konnte Hugo Mayer (nach Vorlage einer höheren Bildauflösung) unten ganz rechts sitzend zweifelsfrei identifiziert werden.

Über den Tod von Hugo Mayer gibt Karolina Mayer in einem Brief aus Noé vom 10.01.1942 genau Auskunft. In den Transportlisten des Lagers Drancy sind die Namen von Karolina Mayer, Karoline Bierig und Selma Bierig vermerkt. Diese in den voranstehenden Links einsehbaren Transportlistenblätter mit ihren Namen sind damit die letzten indirekten Lebenszeichen von ihnen und zugleich Zeichen ihres gewaltsamen Todes in Auschwitz.

Familie Mayer

Hugo Mayer, geboren am 15.04.1864 in Nußloch als Sohn von Amalie und Gottfried Mayer. Er war von 1899 -1918 Besitzer der Bergbrauerei Leimen und lebte zusammen mit seiner Frau Karolina Mayer, geb. Bierig, im eigenen Haus in der damaligen Rohrbacherstr. 2 (heutige Rohrbacherstr. 12) in Leimen.

Dort betrieb er einen Verkaufsladen für Farben und Lacke und im Hintergebäude ein Handelsgeschäft für Futter und Getreidemittel. Beide Geschäfte musste Hugo Mayer unter dem Druck der Verhältnisse schließen. Der Verkaufsladen wurde 1934/35 vermietet und als Fotodrogerie weitergeführt. Das Handelsgeschäft wurde 1938 zwangsgeschlossen.


Im Standesbuch der israelitischen Gemeinde Nußloch von 1811-1870 findet sich eine Eintragung vom 3. Januar 1939, dass Hugo sich den weiteren Vornamen Israel beigelegt hat. In Wahrheit wurden alle deutschen Juden per Gesetz vom 17. August 1938 dazu verpflichtet, ab Januar 1939 zusätzlich die Vornamen Israel oder Sarah anzunehmen, um jüdische Deutsche gleich an ihrem Namen erkennen zu könnnen. Die Eintragung der Geburt von Hugo im Standesbuch der israelitschen Gemeinde (siehe im vorstehenden Link rechts unten unter Nr.2) erfolgte mit dem Nachnamen Maier mit dem Buchstaben i. In späteren amtlichen Dokumenten trägt Hugo aber den Nachnamen Mayer.

Karolina Mayer, geboren am 02.12.1879 in Nußloch als Tochter von Friederike Bierig (geb. Mayer) und dem Bäcker Karl Bierig. Sie heiratete Hugo Mayer am 03.07.1900 in Bruchsal (Heiratsurkunde siehe unten).


Unten ist die Geburtsurkunde von Karolina Mayer, geborene Bierig abgebildet. Daraus geht hervor, dass ihr Vorname auf den Buchstaben a endet. Im Gedenkblatt von Yad Vaschem (siehe unter Spurensuche) gibt ihre Tochter Friedel den Namen ihrer Mutter allerdings mit Karoline an. Anscheinend wurde sie in der Familie Karoline genannt, obwohl ihr Vornname laut Geburtsurkunde auf den Buchstaben a endet. Hier der Wortlaut der Geburtsurkunde: "Nr. 97 Nußloch am 2. Dezember 1879. Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach bekannt, Bäcker Karl Bierig wohnhaft zu Nußloch, israelitischer Religion, und zeigte an, dass von der Friedericke Bierig, geborene Mayer, seiner Ehefrau, israelitischer Religion wohnhaft bei ihm zu Nußloch in seiner Wohnung am zweiten Dezember des Jahres tausend acht hundert siebzig und neun, Nachmittags um sieben Uhr ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Karolina erhalten habe. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben, Karl Bierig. Der Standesbeamte Sickmüller."


Ein Foto zeigt Hugo und Karolina Mayer noch zusammen vor ihrem Haus in der damaligen Rohrbacherstr. 2:


Sie hatten am 3.Juli 1900 in Bruchsal geheiratet, wie diese Heiratsurkunde belegt:


Der Wortlaut der Heiratsurkunde lautet: "Nr. 47. Bruchsal am dritten Juli tausend neunhundert. Vor dem unterzeichneten Standesbeamten erschienen heute zum Zwecke der Eheschließung: 1. der Brauereibesitzer Hugo Mayer, der Persönlichkeit nach bekannt, israelitischer Religion, geboren am fünfzehnten April des Jahres tausend achthundert vierundsechzig zu Nußloch, wohnhaft in Leimen, Sohn des verstorbenen Wirth Gottfried Mayer, zuletzt wohnhaft in Nußloch und der Malchen, geborenen Haußmann wohnhaft in Nußloch, 2. die Karolina Bierig, ohne Gewerbe der Persönlichkeit nach bekannt, israelitischer Religion, geboren am zweiten Dezember des Jahes tausend achthundert neunundsiebzig zu Nußloch, wohnhaft in Nußloch, Tochter des Bäckermeisters Karl Bierig und dessen Ehefrau Friedericke, geborene Mayer, wohnhaft in Nußloch. Als Zeugen waren zugegen und erschienen: 3. der Bürgermeister Christof Lingg der Pesönlichkeit nach durch den Zeugen Max Heierheimer anerkannt, 44 Jahre alt, wohnhaft in Leimen, 4. der Kaufmann Max Heierheimer, der Persönlichkeit nach bekannt, 28 Jahre alt, wohnhaft in Bruchsal. Der Standesbeamte richtete an die Verlobten einzeln und nacheinander die Frage: ob sie die Ehe mit einander eingehen wollen. Die Verlobten bejahten diese Frage und der Standesbeamte sprach hierauf aus, dasß sie kraft des Bürgerlichen Gesetzbuches nunmehr rechtmäßig verbundene Eheleute seien. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben. Hugo Mayer, Karolina Mayer geborene Bierig, Chr. Lingg, Max Heierheimer. Der Standesbeamte. In Vertretung Burst. Die Übereinstimmung mit dem Hauptregister beglaubigt Bruchsal am 3.Juli 1900. Der Standesbeamte."

Das Aufnahmedatum dieses Fotos vom Haus Hugo Mayers in der damaligen Rohrbacherstr. 2 (heutige Rohrbacherstr. 12) in Leimen ist nicht bekannt. Die Personen an den Fenstern sind auch in der Vergrößerung nicht wirklich erkennbar. Daneben sieht man das Haus von Hugo Mayer (heutige Rohrbacherstr. 12) in heutigem Zustand. Die Aufnahme stammt vom August 2018.



Während die drei Kinder von Hugo und Karolina Mayer Ende der 30er Jahre Deutschland verließen, wollten Hugo und Karolina zunächst in Deutschland bleiben. Schließlich versuchte Hugo Mayer dann doch noch ein Visum für die USA zu bekommen, aber es war zu spät, am 22.Oktober 1940 wurden Hugo und Karolina Mayer nach Gurs deportiert:



Kopie aus dem Hauptbuch Noé zum Tod von Hugo Mayer


Nr. 2
Tod
Mayer Hugo
1. Januar 1942

Am 1. Januar 1942 um 22 Uhr ist verstorben in der bewachten Tagesstätte (Wohnheim) in Noe an der Garonne Herr Mayer Hugo geb. in Nussloch/Deutschland am 15. April 1864, von Beruf Brauer (Bierbrauer) ohne weitere Auskünfte. Ausgestellt am 2. Februar 1942 um 15 Uhr durch die Erklärung (Anzeige) von Albert Hiernaux, dem Inspektor in der bewachten Tagesstätte von Noé. Es wurde gelesen und unterschrieben bzw. auf Richtigkeit überprüft von Henri de Copele, Inhaber der Ehrenmedaille und des Ehrenkreuzes sowie der Bürgermeister von Noé.

Henri de Copele, Albert Hiernaux

Heutige Gedenktafel am Lager Noé mit dem Namen von Hugo Mayer



Familie Bierig

Karoline Bierig, geboren am 04.08.1878 in Flehingen als Tochter des Handelsmann Joseph Bierig, zusammen mit ihrem Ehemann Karl Bierig (geb. am 23.12.1846 in Flehingen, gest. am 11.07.1936 in Heidelberg).

Karl Bierig hatte nach dem Tod seiner Ehefrau Friederike (gestorben 1879) ein zweites Mal geheiratet, nämlich seine Nichte Karoline Bierig, die Tochter seines Bruders Joseph aus Flehingen. Seine zweite Ehefrau Karoline war damit fast genauso alt wie seine Tochter aus erster Ehe Karolina Mayer, geborene Bierig.


Beide hatten zusammen drei Töchter, die alle in Nußloch geboren sind, nämlich Toni (geb. 25.04.1906), Selma (geb. 14.11.1908, genannt Sell) und Gertrud (geb. 18.02.1915, genannt Trudl):


Die Familie Bierig zog im April 1935 von Nußloch nach Heidelberg in die Lutherstr. 47. Nach dem Tode von Karl Bierig 1936 mussten Karoline Bierig und ihre Tochter Selma im Jahre 1939 ihre Wohnung in Heidelberg aufgeben und zogen nach Leimen zu ihren Verwandten in das Haus von Hugo und Karolina Mayer. Nachfolgend ein Bild von Selma Bierig (geb. 14.11.1908).


Während Gertrud Bierig zusammen mit Kurt Mayer 1939 nach England fliehen konnte und Toni Bierig 1938 nach New York auswanderte, wo sie später heiratete und den Namen Toni Levi trug, blieb Selma bei ihrer Mutter Karoline Bierig und Hugo & Karolina Mayer in Leimen und wurde am 22.Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Gertrud Bierig (geboren am 18.02.1915) starb bereits am 04.02.1942 in Manchester/England aus Kummer über die Nachricht, dass ihre Mutter und ihre Schwester von Gurs in den Osten transportiert wurden.

Und hier ein Foto vom August 1939. In der Mitte ist Selma Bierig zu sehen, rechts von ihr ihre Mutter Karoline Bierig, links von ihr Karolina Mayer. Sie waren für ein paar Tage nach Freiburg gefahren und machten einige Touren in den Schwarzwald, um sich zu erholen.



Die Kinder von Hugo und Karolina Mayer

Dieses Foto zeigt die Kinder von Hugo und Karolina Mayer: Gustav, Kurt und Friedel. Alle drei konnten noch vor der Deportation gegen Ende der 30er Jahre Deutschland verlassen. Zunächst Gustav und Friedel, die 1937 in die USA flohen, und schließlich auch Kurt, der 1939 nach England floh.

Gustav geb. 02.10.1910, gest. 09.08.1969
Kurt geb. 03.03.1921, gest. 23.10.2007
Friedel geb. 09.07.1909, gest. 31.10.2003
Friedel heiratete am 07.08.1936 in Leimen den in Heidelberg-Rohrbach ansässigen Juden Oskar Salomon Ehrmann (geb. 04.07.1893, gest. 09.06.1940). Gemeinsam reisten sie zusammen mit Gustav im Mai 1937 in die USA nach Toms River/New Jersey aus. Oskar Ehrmann hatte aus erster Ehe einen Sohn namens Hans A. Ehrmann (geb. 16.03.1923, gest. 22.06.1985). Dieser heiratete Charlotte Ehrmann (geb. 1926), die heute noch in Toms River lebt und 87 Jahre alt ist. Ihre gemeinsame Tochter Linda Ehrmann-Ziskind ist damit die Stief-Urenkelin von Hugo und Karolina Mayer.

Auf folgendem Foto aus den frühen 20er Jahren, das in Leimen auf einer Veranstaltung während der Faschingszeit aufgenommen wurde, sieht man Friedel als dritte von rechts in der ersten Reihe sitzend. Rechts neben ihr sitzt Franz Becker, der Großvater von Boris Becker. Wer weitere Personen auf diesem Foto benennen kann, möge sich bitte melden.


Als 18-jähriger Junge konnte Kurt Mayer 1939 gerade noch rechtzeitig Leimen verlassen, emigrierte nach England in die Stadt Manchester und kam dann 1947 nach Amerika. Im Jahre 2006 besuchte er Leimen und suchte Orte des Gedenkens an seine Eltern Hugo und Karolina Mayer in Leimen. Folgendes Foto wurde am Hugo-Mayer-Platz in St.Ilgen im Mai 2006 aufgenommen:


Auf diesem Foto sieht Kurt Mayer sehr traurig aus, denn er war sichtlich enttäuscht darüber, dass lediglich ein Parkplatz irgendwo am Rande von Leimen nach seinem Vater benannt wurde.