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Den Opfern jüdischen Glaubens zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung
Mahnmal-Projekt-Leimen
RNZ-Artikel vom 9. November 2013




„Die Verfolgung der Juden fand vor der eigenen Haustür statt“

Ein Mahnmal für Leimen: Heute wird im Rathausfoyer der Gedenkstein enthüllt


Von Ute Teubner

Leimen. Es ist vor allem die Hoffnung, die dieser Stein symbolisiert: In Form einer Kerze und mit einer Flamme, die immer brennen möge. Zuversicht, die letztlich auch in den Briefen von Karolina und Hugo Mayer sowie Karoline und Selma Bierig zum Ausdruck kommen: „Der liebe Gott wird helfen, dass wir auch von hier wieder weg können.“ Zeilen, geschrieben 1941 in Gurs. Von vier jüdischen Bürgern aus Leimen, die am Tag der Deportation der badischen Juden, dem 22. Oktober 1940, aus der Weinstadt in das südfranzösische Internierungslager verschleppt und später nach Auschwitz deportiert wurden. Die Heimatstadt Leimen sah nicht einer von ihnen je wieder (siehe nebenstehender Artikel).

Vier Schicksale, derer sich die Stadt erinnern will. Vier Menschen, die zurückgeholt werden sollen in die Mitte des Alltags. Ein Mahnmal soll künftig an die ermordeten Leimener Juden erinnern. Zum 75. Jahrestag der Pogromnacht, am heutigen Samstag, wird der Gurs-Gedenkstein im Rahmen einer stillen Feier im Foyer des historischen Rathauses enthüllt. Ein würdiger Platz, wurde doch das einstige Palais im ausgehenden 18. Jahrhundert von dem Juden Aron Elias Seligmann in einer Zeit errichtet, in der die jüdische Gemeinde Leimens weit über 100 Gläubige zählte. Dennoch wird der Standort nicht der endgültige sein. Ist der Rathausplatz saniert, soll das Mahnmal an jenem Ort installiert werden, an dem bis Anfang des 20. Jahrhunderts die Leimener Synagoge stand.

Konzipiert wurde der Gedenkstein (Foto: privat) mit der Hoffnungsflamme und den vier „Wachstränen“ von Katharina Belman, Anastasia Gammermajster und Sabina Kinderknecht. „Wir sind sehr froh, dass diese drei jungen Frauen sich mit dem dunkelsten Kapitel unserer Stadtgeschichte auseinandergesetzt haben“, betont Michael Ullrich, Pressesprecher der Stadt Leimen. „Und wir sind dankbar, dass somit Jahrzehnte nach diesen schrecklichen Ereignissen die Ermordeten der Vergessenheit entrissen werden und ihnen ein Stück weit ihre Würde wiedergegeben wird.“

Vor vier Jahren begannen die damals 15- jährigen Schülerinnen der Geschwister- Scholl- Schule St. Ilgen ihre Recherche zum Thema „Die Judenverfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus“. Was als verhältnismäßig simple schulische Projektarbeit begann, mündete in ein langfristiges, quasi ehrenamtliches Engagement: In die Teilnahme am „Ökumenischen Jugendprojekt Mahnmal“ nämlich, einem landesweiten Jugendprojekt (siehe Hintergrund). Die Neuntklässlerinnen begaben sich – unterstützt von ihrem Klassenlehrer Martin Delfosse – auf Spurensuche: Wer waren die aus Leimen nach Gurs verschleppten jüdischen Bürger? Welches Schicksal mussten sie erleiden? „Es stand ganz schnell fest: Die Verfolgung der Juden hat nicht nur in Berlin oder in Auschwitz stattgefunden, sondern hier, vor der eigenen Haustüre, in Leimen“, macht der 51-jährige Delfosse klar.

Nach akribischer Recherche konnten die Schülerinnen im Juni 2010 ihr Mahnmal-Projekt erstmals der Öffentlichkeit vorstellen. Danach ging es an die Bearbeitung des ersten Gedenksteines. Der wurde binnen vier Wochen gemeinschaftlich gemeißelt. Aus Buntsandstein. Und unter der fachkundigen Anleitung von Steinmetz Udo Baumgärtner. Die Flammenskulptur fertigte der Heidelberger Kunstschmied Wolfgang Walter an. Seit drei Jahren nun steht das Mahnmal, das der Leimener Juden gedenken soll, auf dem Gelände der zentralen Gedenkstätte in Neckarzimmern.

Der zweite, für Leimen bestimmte identische Gedenkstein konnte diesen Sommer fertiggestellt werden. Pfarrer Steffen Groß von der evangelischen Kirchengemeinde Leimen unterstreicht: „Für dieses Projekt haben hier vor Ort viele an einem Strang gezogen. Es wurde damit etwas angeregt, das seit Jahrzehnten fällig war. Die deportierten jüdischen Mitbürger erhalten zwar spät, aber hoffentlich nicht zu spät den ihnen gebührenden Platz zurück.“

Jetzt, vor drei Tagen, wurde das 700 Kilogramm gewichtige Werk mit einem Hubsteiger ins Rathausfoyer gebracht. Und wenn es am heutigen Samstag enthüllt wird, dann geschieht dies nicht nur vor den Augen des Oberbürgermeisters, der drei Urheberinnen des Mahnmals sowie der Vertreter von Kirche und Politik. Nein, auch Linda Ziskind wird mit ihrem Mann David, ihrem Bruder Rick und ihrem Cousin Bruce aus den USA anreisen. Sie ist die Stief-Urenkelin von Hugo und Karolina Mayer, die einst in der Rohrbacher-Straße 2 in Leimen lebten.

Info: Die öffentliche Gedenkfeier mit Enthüllung des Mahnmals findet heute, Samstag, 9. November, um 15 Uhr im Foyer des Leimener Rathauses, dem früheren Palais Seligmann, in der Rathausstraße 8, statt. Weitere Infos zum Thema gibt es auch im Internet unter www.mahnmal-projekt-leimen.de



Keiner von ihnen kehrte zurück

Die deportierten Leimener Juden


Leimen. (teu) Jahrelang lebten sie in Leimen unter Leimenern: Karolina und Hugo Mayer, Karoline und Selma Bierig (Fotos: privat). Die beiden jüdischen Familien wohnten unter einem Dach, in der damaligen Rohrbacher Straße 2. Bis sie knapp zwei Jahre nach den Novemberpogromen am 22. Oktober 1940 in das südfranzösische Internierungslager Gurs verschleppt wurden. Zurück nach Leimen kehrte keiner von ihnen.

Karolina Mayer kam am 2. Dezember 1879 in Nußloch als Tochter von Friedericke Bierig (geb. Mayer) und dem Bäcker Karl Bierig zur Welt. Sie heiratete Hugo Mayer am 3. Juli 1900 in Bruchsal und bekam mit ihm die Kinder Friedel, Gustav und Kurt, die noch vor der Deportation in die USA beziehungsweise nach England fliehen konnten. Karolina Mayer wurde 1944 im NS-Vernichtungslager Auschwitz ermordet.

Hugo Mayer wurde am 15. April 1864 als Sohn von Amalie und Gottfried Mayer in Nußloch geboren. Er war von 1899 bis 1918 Besitzer der Bergbrauerei Leimen. Später betrieb er einen Laden für Farben und Lacke sowie für Futter und Getreidemittel; das Handelsgeschäft wurde 1938 zwangsgeschlossen. Hugo Mayer starb am Neujahrsabend 1942 im französischen Lager Noé, wohin er im Februar 1941 von Gurs verlegt worden war.

Karoline Bierig, geboren am 4. August 1878 in Flehingen als Tochter des Handelsmannes Josef Bierig, war mit Karl Bierig verheiratet, nachdem dieser seine erste Ehefrau Friedericke verloren hatte. Die beiden hatten zusammen drei Töchter: Toni, Gertrud und Selma. Karoline Bierig wurde 1942 in Auschwitz umgebracht.

Selma Bierig erblickte am 14. November 1908 in Nußloch das Licht der Welt. Während ihre Schwester Toni nach New York und Gertrud nach England emigrieren konnten, wurde Selma zunächst nach Gurs deportiert, später nach Drancy bei Paris. Von dort wurde die junge Frau am 12. August 1942 gemeinsam mit ihrer Mutter Karoline mit dem Transport Nr. 18 nach Auschwitz verbracht, wo sie noch im selben Jahr zu Tode kam.



RNZ-Artikel vom 11.November 2013




Vier Opfer haben ihre Namen und ihre Würde wiederbekommen

Pogromnacht-Gedenkstein enthüllt: Nachkommen der Opfer kamen aus den USA zur Feierstunde

Von Roland Fink

Leimen. Nein, es darf nicht vergessen werden, es darf nichts verdrängt werden von all dem, was im November 1938 in Deutschland geschah. Die Novemberpogrome zerstörten Menschen, Familien und Existenzen und legten eine bis dahin ungeahnte Intoleranz und Grausamkeit an den Tag. Das Palais des Aron Elias Seligmann, heute Rathaus der Stadt Leimen, ist ein würdiger Ort, all dem zu gedenken. Nicht anonym, sondern mit den Bildern von vier Menschen vor Augen, die als jüdische Bürger auf Befehl eines Gauleiters in das Internierungslager Gurs in Frankreich deportiert wurden. „Um diesen Tag vor 75 Jahre brannten die Synagogen, oft unter dem Gejohle der Nachbarn“, sprach Oberbürgermeister Wolfgang Ernst das Geschehen an.

Nicht anonym wurde der sandsteinrote Gedenkstein als Mahnmal seiner Bestimmung übergeben. Die Bilder von Hugo Mayer, Karolina Mayer, Karoline Bierig und Selma Bierig geben dem Stein ein Gesicht. Drei in Nußloch geboren, Karoline Bierig in Flehingen. Sie waren angesehene Mitbürger, bis Ausgrenzung, Rassismus und Verfolgung sie in ihren Wohnungen und Häusern erreichten. Alle vier wurden am 22. Oktober aus Leimen verschleppt: Hugo Mayer starb in Gurs, die Frauen wurden nach Auschwitz verbracht und dort ermordet.

Es war nichts anonym bei dieser Gedenkfeier unter viel Anteilnahme der Bevölkerung. Nicht nur die Toten und deren Schicksal waren im Geiste präsent. Mit Linda Ziskind (62) und ihrem Mann David, mit Richard Ehrmann (63) und Bruce Ehrmann (60) waren drei Angehörige aus den USA nach Leimen gekommen. Richard ist Immobilienmakler in New York, Bruce ist Mitarbeiter bei der Journalisten-Berufsvereinigung Washington-Baltimore und der Vereinigung der Beschäftigten in der Kommunikationsindustrie in Amerika. Die Präsenz der Angehörigen gab diesem 9. November im Leimener Rathaus menschlichen Inhalt in direkter Verbindung mit den Opfern: Es waren Urgroßvater und Urgroßmutter, die damals verschleppt worden waren.

Im Mai 1937 konnten die Ehrmanns nach New Jersey emigrieren, „sie mussten ihre Heimat in der Rohrbacher Straße verlassen“, erinnerte Linda Ziskind in deutscher Sprache an das Schicksal ihrer Vorfahren. Ein Anruf aus Leimen hatte sie vor Jahren dazu bewogen, Briefe ihrer Mutter zu suchen und zu sichten. Und sich mit den drei Mädchen zu treffen, die nun vier Kerzen am Mahnmal entzündeten. Katharina Belman, Anastasia Gammermajster und Sabina Kinderknecht hatten das Projekt des Gurs und Noé Gedenksteins in die Tat umgesetzt.

„Nun haben unsere vier Opfer wieder ihre Namen zurück und damit ihre Würde und ihre Achtung wieder erlangt“, so Ziskind. Ihr Leben und das ihrer Familien seien stets mit den Opfern des Holocaust verbunden.

„Du sollst nicht töten, nicht stehlen, nicht nach dem trachten, was deinem Nachbarn gehört, diese christlichen Gebote galten wohl nicht den Juden in Leimen.“ Pfarrer Steffen Groß sprach aus, dass Leimener Bürger die Juden aus ihren Häusern gerissen haben. Sein Amtskollege Arul Lourdu sprach im Gebet den Völkermord, den Terror und die gegenwärtige Gewalt weltweit an.



Corrigendum

In beiden obigen RNZ-Artikeln haben sich kleine Fehler eingeschlichen:

Im Artikel vom 9.November 2013 heißt es, dass Rick der Bruder von Linda Ziskind sei. Dies ist nicht richtig. Rick ist ebenso wie Bruce der Cousin von Linda Ziskind.

Im Artikel vom 11.November 2013 wurden die Berufsbezeichnungen von Richard und Bruce Ehrmann vertauscht. Richtig ist vielmehr, dass Bruce Ehrmann
Immobilienmakler in New York ist und Richard Ehrmann ist Mitarbeiter bei der Journalisten-Berufsvereinigung Washington- Baltimore und der Vereinigung der Beschäftigten in der Kommunikationsindustrie in Amerika.

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